Zorro

Noch in Gedanken versunken, erreichte er das Ortsschild von München. Nach weiteren zwei Kilometern bog er in die rechte Seitenstraße zu seinem Appartement ein und parkte seinen Wagen in der Einfahrt. Er stieg aus und just in dem Moment als er die Türe zuschlagen wollte, entdeckte er am Boden der Beifahrerseite eine kleine schwarze Pappschachtel.
»Nanu«, murmelte er vor sich hin, »das muss wohl der Verrückte verloren haben.« Er beugte sich hinüber und hob sie im Licht der Innenbeleuchtung vorsichtig auf.
Sonderlich schwer war sie nicht gerade. Konnte kaum etwas Wichtiges beinhalten. Neugierig hob er den Deckel ab. Er brauchte mehrere Sekunden, bis in sein Gehirn vordrang, welchen fleischfarbenen Gegenstand er in seinen Händen hielt. Mein Gott!! Das sah aus wie eine abgeschnittene Nase. Er ließ die Schachtel samt Inhalt fallen, als hätte er sich die Hand verbrannt. Er sprang regelrecht aus dem Wagen, drehte sich um die eigene Achse und übergab sich. Röchelnd schnappte er zwischendurch nach Luft. Dass er dabei seinen teuren Boss-Anzug beschmutzte, war ihm völlig gleichgültig. Blass und mit zitternden Händen drehte er sich zu seinem Alfa um. Zögernd, mit zu einer Grimasse verzogenem Gesicht auf dem sich sein Ekel widerspiegelte, beugte er sich vorsichtig nochmals hinein. Was sollte er jetzt damit tun? Zur Polizei bringen? Die hätten viele Fragen, auf die er nur unbefriedigende Antworten geben könnte. War es außerdem nicht gefährlich diesen Irren in die Quere zu kommen? Zorro oder diese ominöse Gruppe hatten sich bestimmt sein Nummernschild notiert. Er malte sich aus, wie einfach es für sie wäre, seinen Wohnsitz in Erfahrung zu bringen. Nein, das Risiko war ihm eindeutig zu hoch. Er würde sich überwinden und dieses scheußliche Ding begraben und jeden Gedanken an heute Abend am besten gleich mit beerdigen.
Würgend, den galligen Geschmack im Mund unterdrückend, hob er die Schachtel auf und legte mit Fingerspitzen die danebenliegende kalte Nase zurück in diese. Ein kleiner Zettel, der vorhin seiner Aufmerksamkeit entgangen sein musste lag ebenfalls am Boden. Er war wohl unbemerkt aus der Schachtel gefallen. Er griff danach und las sich die gedruckten Zeilen halblaut vor:
Dieses Organ war einstmals Teil einer Person, die ihre Nase zu tief in unsere Angelegenheiten steckte. Welchen Teil von dir hast Du nicht unter Kontrolle? Solltest Du selbst nicht wissen welchen, werden wir es für dich herausfinden. Mensch bedenke Du bist vergänglich, nur unsere Gesetze haben für alle Zeiten bestand! Ein großes Z am Ende sollte wohl als eine Art Unterschrift dienen.
Dieses mal schaffte er es nicht einmal aus dem Wagen heraus um sich zu übergeben. Noch weich in den Knien bewegte er sich rückwärts ins Freie. Im Kopf nur noch den einen Gedanken: »So schnell wie möglich diesen Albtraum vergessen!« Er würde jetzt dieses makabere Geschenk verschwinden lassen und dann sein Bett aufsuchen. In seinem verwirrten Schädel wechselten sich die nackte Angst um sein Leben mit der absurden Hoffnung ab, dass er morgen früh erwachen könnte und glücklich feststellen würde, nur miserabel geträumt zu haben.

~ ENDE ~