Zorro

Jetzt war er schon etwa 30 Minuten unterwegs auf der Landstraße und nicht ein einziges Fahrzeug war ihm bis dahin entgegengekommen. In diese Gegend schien sich wohl wirklich keine Menschenseele zu verirren. Er fuhr gerade auf eine Kreuzung zu, als er undeutlich eine Gestalt mit ausgestrecktem Daumen neben dem Verkehrsschild stehen sah. Er drosselte das Tempo und fuhr langsam an den Straßenrand um anzuhalten. Surrend lies er die Scheibe der Beifahrerseite nach unten. Der Fremde war inzwischen an der Autotür angelangt.
Siggi fragte ihn direkt: »Wohin willst Du denn mitten in der Nacht bei diesem Mistwetter?«
»Nach Unterkirchdorf! Das ist nur zwölf Kilometer von hier entfernt. Liegt das zufällig auf deiner Strecke?«
Er bejahte die Gegenfrage und forderte ihn auf einzusteigen, was der Fremde auch umgehend annahm. Langsam setzte er seinen Alfa wieder in Bewegung. Er drehte den Kopf nach rechts um seinen Fahrgast zu begutachten. Dieser war schlank, wie er schätzte ca. 1,90 m groß und trug einen dunklen Mantel. Den kurzen angegrauten Haaren nach zu schließen, war er sicherlich schon weitaus älter als 30 Jahre. In dem feingeschnittenen Gesicht stach eine große hakenförmige Nase hervor.
Er sprach ihn ohne Umschweife an: »Wie heißt Du denn? Also ich heiße Siggi!«
Der Angesprochene wandte ihm sein Gesicht zu und antwortete mit tiefer ruhiger Stimme: »Nenn mich einfach Zorro, so wie es alle tun, die mich kennen.«
Siggi konnte ein Lachen kaum unterdrücken. »Zorro? Das ist doch bestimmt nicht dein richtiger Name. Bist Du ein Fan von ihm? Oder wie kommst du sonst zu diesem Spitznamen?«
»Nun, für mich ist es mehr als nur ein Spitzname, schon eher eine Auszeichnung«, erwiderte dieser prompt, ohne dabei sein Gesicht zu irgendeiner Mimik zu verziehen.
»Bist Du so eine Art Rächer der Enterbten oder der Witwen und Waisen«, konnte sich Siggi nicht verkneifen spöttelnd nachzusetzen.
Mit der gleichen ruhigen Stimme und dem unbeweglichen Gesichtsausdruck entgegnete Zorro erneut: »Ich gehöre einer Gruppe an, die hier in der Gegend auf die Einhaltung von Sitte und Moral achtet. Mehr kann ich dir dazu nicht sagen.«
»Wow, das ist ja das Abgefahrenste das ich in letzter Zeit gehört habe. So was passt doch nicht mehr in unsere Zeit.«
»Nun, das magst Du ruhig so sehen, aber wir halten nicht viel von der neuen Zeit. Sie bringt nur wenig Gutes hervor. Die Einwohner unserer Heimat sehen das genauso wie wir!«
»So ein Spinner«, dachte sich Siggi, »der hat wohl zu viel alte Hollywoodschinken gesehen, oder war wohl der Klapse entsprungen. Es wäre wohl besser, sich nicht weiter über diesen Blödsinn zu unterhalten.« Aber seine Neugier war doch so weit geweckt, dass er noch eine Frage loswerden musste: »Und wie wollt ihr für die Einhaltung der Moral und des Anstands sorgen?«
Zorro schien kurz nachzudenken bevor er zur Antwort ansetzte: »Wir haben unsere eigenen festgelegten Methoden und Bestrafungen um Übeltätern Einhalt zu gebieten. Wenn nötig, sorgen wir mit Nachdruck dafür, dass auch die Uneinsichtigsten zu spüren bekommen, welchen Vorteil es hat, sich an die überlieferten Gesetze unserer Vorväter zu halten.«
Er hatte dies mit so einem feierlichen Ernst vorgetragen, das Siggi das Lachen im Halse stecken blieb. Zuerst erfreut über die Abwechslung der langweiligen Fahrt nach Hause, war er nun eigentümlich erleichtert, als er die Umrisse der nächsten Ortschaft wahrnahm. Kaum hatte er den Eingang von Unterkirchdorf passiert, gab ihm Zorro auch schon zu verstehen, dass er anhalten könne. Was Siggi liebend gerne und ohne zu zögern tat.
Zorro stieg aus dem Wagen und drehte sich noch einmal kurz zu ihm um: »Auch wenn Du nicht alles verstehen kannst oder willst, wäre es sicher vernünftiger von dir, unsere Einstellung zu respektieren.« Diesen Abschiedsgruß kaum ausgesprochen, hatte er schon die Autotüre zugeschlagen und war in der Dunkelheit verschwunden. Siggi gab Gas und setzte seine Fahrt kopfschüttelnd fort.
Gott sei Dank war er diesen Spinner los. In dieser Gegend schienen sie alle einen Dachschaden zu haben. Die leben ja noch wie im Mittelalter. Hierher würden ihn keine zehn Pferde mehr bringen. Er freute sich auf München und sein warmes Bett. Er konnte es kaum erwarten in dieses zu schlüpfen. Den Abend heute strich er nach Möglichkeit schnellstmöglich aus seinem Gedächtnis.
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