Zimmer 312

Langsam öffnete sie wieder die Augen. Ihr Mund war trocken. Sie verspürte das Bedürfnis nach einem Schluck Cognac. Da sie wusste, dass in ihrer Hotelbar keiner vorhanden war, griff sie zum Telefonhörer. Sie wählte die Nummer des Zimmerservice und nach mehrmaligen Knacken in der Leitung hörte sie eine sonore Stimme fragen: »Was kann ich für sie tun?« Sie gab ihre Bestellung auf und die gleiche sonore Stimme antwortete: »Ihr Wunsch wird in wenigen Minuten erfüllt werden.«
Sie legte auf und äffte halblaut nach: »Ihr Wunsch wird in wenigen Minuten erfüllt.« Als hätte sie noch irgendwelche Wünsche. Sie stieß ein kurzes, verächtliches Lachen hervor. Was wusste dieser Mensch schon, was es heißt, allein auf der Flucht zu sein. Kontakte zu anderen und vor allem enge Bindungen zu meiden. Jeder der auf sie zu kam, ihr näher kommen wollte, könnte ein V-Mann oder BKA-Mann sein.
Seit unzähligen Jahren waren sie schon hinter ihr her. Wie Bluthunde nahmen sie immer wieder ihre Fährte auf. Mehr als einmal war sie ihnen nur knapp entkommen. Zweimal musste sie dabei töten.

Von den ehemaligen Gruppen war fast nichts mehr übrig. Die meisten waren verhaftet oder tot. Der klägliche Rest hatte sich in alle Winde zerstreut. Einige fingen an sich von der drückenden Last der Dauerflucht zu befreien, indem sie sich stellten.
Für sie selbst käme letzteres niemals in Frage! Für Jahre in einem Hochsicherheitstrakt eingesperrt zu sein – Nein! Das wäre das Letzte was sie sich vorstellen wollte. Aber war ihr jetziges Leben um so vieles besser? Unterwegs von Stadt zu Stadt, Land zu Land. Sie war heimatlos, ohne festen Wohnsitz, ohne feste Freunde. Gut, sie war durch die Organisation versorgt. Es gab geheime Konten auf die sie Zugriff hatte. Doch isoliert von einer normalen Existenz würde sie für den Rest ihres Lebens bleiben. Hinzu kam noch eine andere Gefahr. Es gab neue Gruppen, revolutionäre Zellen, die sich durch die „Alten“ bedroht sahen. Im letzten Halbjahr hatten sich zwei dieser Ehemaligen gestellt. Um Strafmilderung zu erreichen, hatten sie geheime Verstecke, Konten und Namen verraten. Seitdem ging das Gerücht um, dass das Problem dadurch gelöst werden sollte, indem man die „Alten“ eliminiert. Das hielt sie zwar für abwegig, aber trotzdem musste sie auf der Hut bleiben. Es gab kaum noch jemanden dem sie trauen konnte.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie abrupt in die Gegenwart zurückkehren. Sie öffnete und vor ihr stand ein junger Mann in weißer Weste, mit strahlendem Lächeln und einer Flasche Countreau auf seinem Servierwagen. »Sie haben diese Flasche bestellt Madame?« Sie lächelte zurück und bejahte die Frage. Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie er unter seine Weste griff. In der nächsten Sekunde blickte sie in eine dunkle, schmale Öffnung. Bevor sie reagieren konnte, zerriss eine dumpfe Explosion die Nervenstränge in ihrem Kopf. Ein kleines kreisrundes Loch zeichnete sich auf ihrer Stirn ab. Ein eingefrorenes Lächeln auf den Lippen, stand sie noch für einen kurzen Moment aufrecht. Mit Erstaunen nahm Ina als letztes die azurblauen Augen ihres Gegenübers wahr, bevor sie stürzte wie ein gefällter Baum. Den Aufprall auf dem Teppichboden spürte sie nicht mehr.
Ewige Dunkelheit hatte ihren Körper bereits erfasst.

~ ENDE ~